Schlechtes Medien-Klima

Das Thema Klimawandel wird leidenschaftlich diskutiert. Wer als Wissenschaftsjournalist darüber berichtet, wird genau beäugt. Erstaunlicherweise sind Forscher in der Regel mit den Medienberichten zufrieden. Warum nur?

05.06.2013 – SPIEGEL ONLINE

Wie stark verändert der Mensch das Klima? Welche Folgen hat die Erderwärmung? Kaum ein Thema der Wissenschaft provoziert so viele emotionale Kommentare wie der Klimawandel.

Welche Positionen transportieren die Medien? Wissenschaftsjournalisten berichteten eher selten kritisch über Forschung zum Klimawandel – zum Wohlwollen der Forscher, berichten Soziologen. Eine Umfrage unter 1100 Klimaforschern in Deutschland von Medienforscher Mike Schäfer von der Universität Hamburg zeigt : „Die Zufriedenheit mit der Berichterstattung ist groß“.

Bemängelt werde lediglich, so schrieben die Soziologen Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich und Harald Heinrichs von der Universität Lüneburg in einer Studie 2005, „die begrenzte Fachkompetenz der Journalisten“. Gleichwohl wiesen Wissenschaftsjournalisten und Klimaforscher eine „starke Co-Orientierung und eine geteilte Kultur“ auf. „Die Interessen von Klimaexperten und Journalisten stimmen offenkundig überein“, resümieren Peters und Heinrichs.

Manchen Klimaforschern geht die Harmonie nun offenbar zu weit: „Viele wünschen sich kritischeren Journalismus“, berichtet Senja Post von der Universität Mainz. Fast drei Viertel der 123 Forscher, die an ihrer Befragung teilgenommen haben, hätten gefordert, es müsse „deutlicher darauf hingewiesen werden, dass noch viele Fragen zum Klimawandel ungeklärt sind“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin SPIEGEL ONLINE.

Besonderheiten des Klimathemas

Die weitgehende Harmonie zwischen Klimaforschern und Journalisten erklärt Irene Neverla, Mediensoziologin an der Universität Hamburg, mit der besonderen gesellschaftlichen Konstellation: Beim Thema Klimawandel stünden in Westeuropa Nichtregierungsorganisationen ausnahmsweise auf der Seite der Wissenschaft. In anderen Bereichen stellten insbesondere Verbraucherverbände die Forschung an den Pranger, was dann von Medien entsprechend aufgegriffen würde. Kritische Berichterstattung, so Neverla, gerate leicht in den Verdacht, gegen die gute Sache zu sein. „Eigentlich müssten Journalisten öfter kritisch nachfragen“, sagt die Medienexpertin, die zusammen mit Schäfer eine Studiensammlung zum Thema herausgegeben hat.

In den USA übten Lobbygruppen der Industrie den größten Einfluss aus: Deren Propaganda habe dazu geführt, dass die Thesen einzelner Forscher, die einen großteils natürlichem Klimawandel propagierten, aufgebauscht worden seien, was anscheinend auch Politiker beeinflusst habe. Allerdings halten Umfragen zufolge drei Viertel der US-Bürger einen menschlichen Einfluss auf das Klima für wahrscheinlich.

Der journalistische Grundsatz, ausgewogen zu berichten, erschwert die Berichterstattung über Klimaforschung. Journalisten sollen möglichst alle Meinungen zu einem Thema darstellen. Beim Thema Klima jedoch drohe ein „fehlerhaftes Gleichgewicht“ („Balance as Bias“), warnen seit langem die US-amerikanischen Medienexperten Maxwell und Jules Boykoff: Minderheitenmeinungen etwa über vermeintlich natürliche Ursachen der Klimaerwärmung könnten in Medienberichten unangemessen häufig vertreten sein.

Politische Erwägungen

Auch manche Klimaforscher in Deutschland haben Sorge, Artikel über widersprüchliche Ergebnisse könnten zu Fehldeutungen führen. Auf die Frage, ob Berichte über Studien „von Interessengruppen missbraucht werden könnten“, antworteten die Forscher in ihrer Umfrage mit unterschiedlicher Tendenz – je nachdem, wie eine Studie ausgefallen ist, berichtet Senja Post: Von Studien mit optimistischen Resultaten bezüglich der Zukunft fürchteten mehr Forscher (32 Prozent), die Ergebnisse könnten missbraucht werden, als von Studien mit bedrohlichen Ergebnissen (14 Prozent).

Die Auswertung Tausender Artikel in Deutschland, den USA und in Großbritannien habe gezeigt, dass konservative Medien eher wissenschaftskritische Stimmen zu Wort kommen ließen, während links stehende Zeitungen zur Deutung der Umweltverbände neigten, sagt Neverla. Die Selektion zeitige kuriose Folgen: Das Wissen der Leser übers Klima wachse, jedoch kaum jemand ändere dadurch seine Meinung zum Thema.

Tausende Forschungsresultate geben Anlass zur Sorge, der Klimawandel könnte teils verheerende Folgen haben. Andererseits sind Ergebnisse in der Klimaforschung von hohen Unsicherheiten geprägt. Wissenschaftsjournalisten, die über offene Fragen berichten, laufen Gefahr, in die Ecke der sogenannten Klimaleugner gestellt zu werden, die grundsätzliche wissenschaftliche Erkenntnisse bestreiten, sagt Mike Schäfer. Die Komplexität des Themas mache es Medien extrem schwer, sagt auch Neverla: „Die Wissenschaft warnt vor gravierenden Risiken des Klimawandels – allerdings bei erheblichen Unsicherheiten der Ergebnisse.“ Dieser Zusammenhang sei nur schwer vermittelbar.