Löste Klimawandel den Syrien-Krieg aus?

SPIEGEL ONLINE, 7. März 2015

Eine alarmierende Studie hat weltweit für Aufregung gesorgt. Die Autoren behaupten, der Klimawandel habe Dürre und Bürgerkrieg in Syrien mitverursacht. Doch die These ist kaum zu halten.

Den „ersten Klima-Krieg der Neuzeit“, meldet das „Hamburger Abendblatt“. „Eine starke Verbindung“ zwischen Klimaerwärmung und dem Krieg in Syrien erkennt die „New York Times“. Und „Spektrum der Wissenschaft“ stellt fest: „Die Erderwärmung trägt eine Mitschuld am Bürgerkrieg in Syrien.“

Eine erschreckende Diagnose. Doch sie ist wohl kaum zu halten, viele Experten zweifeln an der Arbeit, die den Berichten zugrunde liegt.

Dabei handelt es sich um eine von Fachkollegen begutachtete Studie im Wissenschaftsmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS). Die Chronologie der Katastrophe beginne demnach mit der Industrialisierung im 18. Jahrhundert: Treibhausgase, die der Mensch seither in großer Menge in die Luft bläst, verändern das Klima, wohl auch in Syrien.

Eine Folge sei die schwere Dürre gewesen, die Syrien von 2006 bis 2010 heimsuchte, schreiben die Autoren der Arbeit um Colin Kelley von der University of California in Santa Barbara. Hunger, Flucht und wirtschaftliche Not wiederum hätten Aufstände provoziert und wahrscheinlich 2011 den Krieg mitausgelöst, in dem ungefähr 200.000 Menschen starben.

Beunruhigende Daten

Tatsächlich sind die Klimadaten aus Syrien beunruhigend. Im vergangenen Jahrhundert erwärmte sich die Region offenbar um gut ein Grad. Feuchtere Meereswinde wurden anscheinend seltener, und Hitze ließ vermehrt Wasser verdunsten, der Boden wurde trockener. Die Dürre von 2006 bis 2010 war den Daten zufolge die schlimmste seit Beginn der Messungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

Den entscheidenden Beweis sollen Computersimulationen des Klimas liefern: Sie zeigen, dass ein stärkerer Treibhauseffekt die subtropische Trockenzone nach Norden schiebt, sodass auch in Syrien weniger Regen fallen würde.

Die teils menschengemachte Erwärmung würde folglich dafür sorgen, dass schwere Dürren eher eintreten könnten – und genau das scheint nun geschehen zu sein, schreiben Kelley und seine Kollegen. Das sei eine durchaus plausible Annahme, findet etwa Marshall Burke, Umweltforscher an der Stanford University in Kalifornien.

Doch die alarmierende Studie stößt auf harten Widerspruch. „Die ganze Arbeit ist problematisch, sie leistet der Klimaforschung einen schlechten Dienst“, findet etwa Thomas Bernauer, Konfliktforscher an der ETH Zürich. Er und andere Forscher kritisieren vor allem fünf Punkte – von der These „Klimawandel treibt syrischen Bürgerkrieg“ bleibt demnach nichts übrig:

1) Dürre Daten

Aus Syrien gibt es nur wenige Daten über Temperaturen und Niederschlag; gerade aus den ersten Jahrzehnten des Untersuchungszeitraums liegen kaum Angaben vor. „Die Messdichte ist spärlich“, sagt Klimaforscher Tim Brücher vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. Um die Klimaentwicklung seit 1900 darzustellen, haben die Studienautoren deshalb Daten aus Nachbarregionen auf Syrien übertragen – ein etabliertes wissenschaftliches Verfahren.

Allerdings verstecke die Studie die Unsicherheiten, meint Statistiker William Briggs von der Eliteuniversität Cornell in den USA. „Man hätte die Daten kritischer behandeln müssen“, ergänzt Brücher. Der Uno-Klimabericht, der das Wissen übers Klima zusammenfasst, sieht zwar eine Erwärmung in Syrien, aber keinen eindeutigen Trend zu weniger Niederschlag.

2) Mangelhafte Modelle

Der Uno-Klimabericht stellt außerdem die Fähigkeit der Klimamodelle infrage, das Klima Syriens vertrauenswürdig zu simulieren: Die Region liege an der Grenze dreier Klimaregionen, die Wettermuster dort seien kaum verstanden, heißt es in dem Werk. Vor allem beim Niederschlag gingen die Simulationen der Klimamodelle teils weit auseinander. Es erscheine also nicht angebracht, die Ergebnisse der Modelle als Beleg für den Einfluss des verstärkten Treibhauseffekts heranzuziehen, meint Briggs.

Das Wettersystem sei komplex in der Region, betont auch Brücher. Zahlreiche Faktoren wirkten zusammen, doch besonders der Wandel des Bodens sorge für Änderungen der Feuchtigkeit. Aber gerade die Einflüsse der Landnutzung aufs Klima berücksichtigt die Studie nicht, bemängelt der Klimatologe. „Ich bezweifle, dass der Trend zu Dürren in Syrien von Treibhausgasen getrieben ist“, resümiert er.

3) Falsche Regionen

„Die Studie ist in mehrfacher Hinsicht problematisch“, meint auch Tobias Ide von der Universität Hamburg, Experte für klimabedingte Konflikte. Ein Fehler sei beispielsweise gewesen, Syrien nur als Ganzes zu untersuchen. Die Frage sei, ob die von Dürre besonders betroffenen Regionen des Landes überhaupt eine zentrale Rolle beim Ausbruch des Bürgerkriegs gespielt hätten.

Die Studie versäume es, lokale Unterschiede aufzuschlüsseln, ergänzt Christiane Fröhlich, Friedensforscherin an der Uni Hamburg. Ihre Gespräche mit Menschen vor Ort würden der Klimathese eher widersprechen: Jene, die vor der Dürre geflüchtet wären, seien eher selten zu Aufständischen geworden, berichtet sie. Vielmehr hätten eher wohlhabendere Einwohner den Bürgerkrieg provoziert.

4) Andere Ursachen

Den Klimawandel als Ursache für Syriens Probleme anzuführen, lenke von den wahren Problemen ab, die Dürre und Hungersnöte verursachten, erklärt Francesca De Châtel, Syrienexpertin an der Radboud University in Nijmegen. Dürrephasen gehörten in der Region zur Normalität. Die Mangelzeiten Syriens von 2006 bis 2010 ließen sich im Wesentlichen mit „50 Jahre verfehltem Management“ erklären.

Exzessive Grundwasserfördeung, Übernutzung des Bodens durch grasende Tiere und landwirtschaftliche Ausbeutung seien die Hauptursachen für die Hungersnot, sagt De Châtel. „Die Rolle des Klimawandels ist nicht nur irrelevant, ihre Betonung sogar schädlich“, meint sie. Das Klimaargument erlaube es den Politikern, Schuldige für die Hungersnöte außerhalb des Landes zu suchen, obwohl sie doch eigentlich selber für das Missmanagement verantwortlich seien.

5) Hartes Resümee

„Ich habe noch keine einzige Studie gesehen, die wissenschaftliche Beweise für einen messbaren Einfluss des Klimawandels auf Konflikte hatte“, bilanziert Konfliktforscher Bernauer. Studien, die Zusammenhänge zwischen Kriegen und Klima hergestellt hatten, gerieten immer wieder schwer in die Kritik.

Auch eine Übersichtsstudie von Experten um Ole Magnus Theisen von der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens NTNU kommt zu einem deutlichen Ergebnis: „Wir haben keine Belege gefunden für einen Zusammenhang von Dürren und Konflikt“, schreiben sie. Die Hauptursachen für Bürgerkriege seien politischer Natur. Die künftige Sicherheit Afrikas hänge nicht am Klima, sondern an der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung.