Katastrophe von Vajont: Warum der Berg in den Stausee stürzte

2000 Menschen starben, als 1963 in Norditalien der Monte Toc in einen Stausee stürzte. Der hätte nie angelegt werden dürfen: Anträge wurden gefälscht, Warnungen von Geologen unter Verschluss gehalten. Dann begann der Berg zu rutschen.

SPIEGEL ONLINE, 20.4.2015

Die Namen der Landschaft hätten eine Warnung sein können. Flanken beidseits des steilen Vajont-Tals in den italienischen Alpen, in dem die fatale Staumauer errichtet wurde, heißen „Toc“ und „Salta“. „Toc“ bedeutet in Norditalien „morsches Stück“, „Salta“ heißt „Spring“.

Und „Vajont“ kommt von „va giù“, was besagt: „Er geht runter“.

Am 9. Oktober 1963 passierte es: Eine 270 Millionen Tonnen schwere Bergflanke löste sich vom Monte Toc und stürzte in den Vajont-Stausee, den Ingenieure gefüllt hatten, um per Wasserkraft Strom für den Großraum Venedig zu gewinnen. Eine Riesenwelle riss Dörfer weg. Fast 2000 Menschen starben.

Der Bergrutsch von Vajont sorgte für einen Jahrzehnte währenden politischen Skandal. Politiker, Geschäftsleute und Wissenschaftler hatten zahlreiche Alarmsignale ignoriert. Doch erst jetzt, 52 Jahre nach der Katastrophe, glauben Geoforscher die fatalen Abläufe im Berg genau erklären zu können.

Betrug von Anfang an

Computersimulationen, die Riccardo Castellanza und seine Kollegen von der Universität Mailand jetzt auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien vorgestellt haben, zeigen die entscheidenden Auslöser der Katastrophe.
Schon die Genehmigung für die Adriatische Elektrizitätsgesellschaft SADE zum Bau des Wasserkraftwerks beruhte auf einem Betrug: Am 15. Oktober 1943 erteilte das zuständige Ministerium der SADE die Erlaubnis, obwohl nicht genügend Stimmberechtigte anwesend waren. Hunderte Familien wurden enteignet und umgesiedelt. Der Bau der Staumauer im Vajont-Tal begann 1956, bevor die Regierung zugestimmt hatte.

Dabei kannten Geologen die Gefahr: Die Flanken beidseits des steilen Tals, in dem die 261 Meter hohe Steinmauer mehrere Flüsse stauen sollte, waren vor Jahrtausenden kollabiert – daher ihre Namen. Doch das Ministerium berief als Sachverständige Geologen, die auf der Lohnliste der SADE standen.

Die Warnung des Sohnes

Kleinere Rutschungen hatten die Experten zwar einplant. Doch das Erdreich reagierte empfindlicher als erwartet: Bereits am Anfang der Bauarbeiten rissen an den Hängen über dem Tal Straßen auf. Hastig wurde nach einem geologischen Gutachten gesucht. Doch nur die Flanken unterhalb der geplanten Staumauer waren analysiert worden. Für die Hänge oberhalb fehlte ein Gutachten.

Erst drei Jahre nach Beginn der Bauarbeiten wurde der unabhängige österreichische Geologe Leopold Müller beauftragt. Er warnte vor einer mobilen M-förmigen Struktur am Berg, zwei Kilometer breit, 600 Meter dick. Es handelte sich ziemlich genau um die Gesteinsmasse, die vier Jahre später in den See stürzen sollte. Doch Gegengutachten verwässerten Müllers Warnung.
Die Gräben am Berg zeichneten ein M – wie prophezeit

Der Chef-Ingenieur des Staudamm-Projekts, Carlo Semenza, ließ sich nicht mal von der schrecklichen Entdeckung seines Sohnes Eduardo beeindrucken: 200 Millionen Kubikmeter Gestein, hatte der Geotechniker gemahnt, bewegten sich am Berg unmerklich abwärts. Sein Vater versuchte, ihn zu beschwichtigen. Doch Eduardo blieb stur. SADE und Politiker hielten dessen kritisches Gutachten deshalb einfach unter Verschluss. Eine Journalistin, die über die Gefahr berichtete, wurde verklagt.

Anfang 1960 begann die SADE, den See zu füllen, testweise. Im November leckte das Wasser an Müllers M-Flanke – und der Berg schickte eine Mahnung: Eine mächtige Lawine krachte ins Wasser. Meterweite Gräben rissen auf am Hang, sie zeichneten ein M, wie von Müller prophezeit. Das Wasser war in den Berg gesickert, sein Auftrieb hatte die Bindung der Sandkörner verringert.
Eilig wurden Kontrollbohrungen in die Flanke getrieben. Immer mehr Experten räumten eine Bedrohung ein: Wasser könnte dem Berg seine Stabilität rauben. Doch weil der staatliche Geologe Francesca Penta weiterhin grünes Licht gab, erteilte die Regierung im Dezember 1961 die Genehmigung, den See zu füllen.

Fataler Irrtum

Immer stärker vibrierte die Erde unter der schleichenden Bewegung der Bergflanke; die Anwohner ahnten längst, dass sie in Gefahr waren. Selbst Vater Semenza wurde unsicher, er erwog mittlerweile, Lawinen künstlich auszulösen und den See zu verlegen. Denn neue Laborexperimente hatten ergeben, dass im Falle eines Bergsturzes die Überflutung von Siedlungen drohte. Doch die SADE hielt auch diese Ergebnisse geheim. Und das Wasser stieg.

Die SADE glaubte immer noch, den Berg kontrollieren zu können. Sie hatte herausgefunden, dass sich Rutschungen im Berg beschleunigten, wenn das Wasser schnell abgelassen wurde. Also bräuchte man es einfach nur langsam aus dem See lassen, nahmen die leitenden Ingenieure an.

Im Spätsommer 1963 allerdings ahnten sie, dass sie keine Kontrolle hatten – der Berg hatte sich unwiderruflich in Bewegung gesetzt. Am 3. September erschütterte ein heftiges Erdbeben das Vajont-Tal. „Alles unter Kontrolle“, belog der Bürgermeister eines Dorfes die Anwohner.

Entscheidender Fehler

Die SADE reagierte panisch, sie öffnete alle Schleusen, um den See abzulassen. „Das war ein entscheidender Fehler“, sagte Geotechniker Castellanza nun auf der EGU-Tagung in Wien, er hat das Abrutschen der Bergflanke mit Computersimulationen minutiös nachvollzogen. Bald habe das Wasser im Berg weitaus höher gestanden als im See. Es lief dann unterirdisch auf der Gleitfläche abwärts – dieser Strom zog die Bergflanke verstärkt nach unten, berichtet Castellanza.

Am 15. September 1963 ruckte die gesamte Flanke am Toc auf einen Schlag um 22 Zentimeter talwärts. Damit wurde auch das Argument der SADE widerlegt, das Gestein würde im Ernstfall nicht auf einmal ins Wasser fallen. In den Tagen vor der Katastrophe waren Zeichen des Unheils unübersehbar: Bäume, Zäune und Straßen rutschten abwärts.

Hitze im Berg hätte das Risiko eines Kollapses zusätzlich erhöht, berichtet Castellanza: Die jahrelange Reibung des Abrutschens der Flanke heizte die Gleitschicht auf mehr als 30 Grad auf, so dass sie ihr gebundenes Wasser regelrecht ausschwitzte – die Rutschfläche wurde dadurch noch glatter.

Am 9. Oktober 1963 um 22.39 Uhr hielt das Erdreich nicht mehr stand. Ablaufendes Wasser im Berg löste die letzten Bindungen zwischen der instabilen Flanke und der Gleitfläche darunter. 270 Millionen Tonnen Geröll stürzten zu Tal. Sie beschleunigten auf knapp 100 Kilometer pro Stunde.

Haut vom Körper gerissen

Fast wäre es gut gegangen, das zeigen zumindest die Simulationen von Castellanza und seinen Kollegen: Bei Tempo 80 hätte es wohl keinen großen Tsunami und damit keine Katastrophe gegeben.

Doch die Bergflanke stürzte mit äußerster Wucht in den Stausee. 25 Millionen Tonnen Wasser schwappten über den Staudamm, die 160 Meter hohe Woge trieb einen Sturm vor sich her, der Menschen im Tal die Haut vom Körper riss. Der Tsunami löschte fünf Dörfer komplett aus, andere wurden zu großen Teilen zerstört. Im Städtchen Longarone gab es die meisten Opfer.

In Dutzenden Gerichtsverfahren wurde die Katastrophe verhandelt. Erst 1997 wurde Tausenden Opfern Schadensersatz zugesprochen, jedoch lediglich zwei Milliarden Lire, was einem heutigen Wert von rund zwei Millionen Euro entspricht. Mehrere Verantwortliche wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Chef-Ingenieur Carlo Semenza war bereits 1961 gestorben, zwei Jahre vor der Katastrophe.

Die wahren Ursachen

Es waren vor allem drei geologische Faktoren, die aus der Rutschung eine Katastrophe machten, bilanziert Castellanza: eine extrem glatte Rutschfläche, Hitze im Berg und ablaufendes Wasser. Die Kraft des Wassers sei bislang übersehen worden, dabei zeigten seine Simulationen: Ohne den unterirdischen Strom wäre die Bergflanke wohl nicht auf fatale Weise abgestürzt.

Auch die Rutschigkeit der Gleitfläche sei unterschätzt worden, sagt Castellanza. Bisherige Analysen hätten ignoriert, dass die Rutschfläche im Berg nach drei Jahren Abwärtsbewegung auf fatale Weise glattgeschliffen war, erläutert der Geotechniker.
Sie bot so gut wie keinen Widerstand mehr.

Heute liegt die damalige Gleitfläche auf dem Monte Toc offen zu Tage, sie schimmert hell – ihre Beschaffenheit hat den Forscher beeindruckt: „Wirklich unglaublich, wie eben sie ist.“