Hintergründe und Quellen zu meiner Kritik am Synthesis-Report des Uno-Klimarats IPCC

Erschienen am 25. Januar 2015:
Wissenschaftler haben mich nach den Quellen zu meiner Kritik am finalen Uno-Klimareport gefragt. Ich hatte kritisiert, dass der Uno-Klimarat IPCC in seinem Synthesis-Report Risiken des Klimawandels betont, aber Unsicherheiten seiner Ergebnisse verschweigt. Ein gravierendes Problem, wie ich finde.

Einige Wissenschaftler baten mich um konkrete Seitenzahlen aus dem Klimareport, aus denen die Zitate aus meinem Text stammten; ich habe sie bereits im Artikel ergänzt. Außerdem verschärfte ich meine Kritik, indem ich auch noch die – wie ich sie einschätze – mangelhafte „Zusammenfassung für Politiker“ des IPCC-Synthesereports zitierte. Hier dokumentiere ich nun alle Quellen für meinen Artikel.

Ich habe in meinem Artikel jeweils ein Zitat aus dem Synthese-Report der Uno gegen ein Zitat aus dem zugrunde liegenden Klimareport der Uno gestellt, der vor Monaten veröffentlicht wurde (und sich im Gegensatz zum neuen Synthese-Report durch seine Sorgfältigkeit auszeichnete) – der Gegensatz sollte zeigen, dass im Synthese-Report wesentliche Unsicherheiten unerwähnt blieben, dafür jedoch die scharfe Warnungen erhoben wurden.

1) Das erste Zitat aus dem von mir kritisierten Synthese-Report:
„Eine globale Erwärmung von vier Grad oder mehr seit Beginn der Industrialisierung (ein Grad ist bereits erreicht) bedeute ein hohes bis sehr hohes Risiko eines beträchtlichen Artensterbens, sie würde die Rate des Artensterbens erhöhen. In die Prognose der Modellierungen bestehe „hohes Vertrauen“ (Seite 25, 34).“

Die Originalzitate aus dem Report:
„Many global risks are high to very high for global temperature increases of 4 °C or more (see Box 2.4). These risks include severe and widespread impacts on unique and threatened systems, the extinction of many species…“ (S.25)
The risks associated with temperatures at or above 4°C include severe and widespread impacts on unique and threatened systems, substantial species extinction, … (high confidence) (S.34).

Dagegen stelle ich ein Zitat aus dem Original-Klimareport, das im Synthesereport misslicherweise ignoriert wurde:
„Klimamodelle können diverse Schlüsselprozesse hinsichtlich der Artenentwicklung nicht darstellen, die Anfälligkeiten von Arten gegenüber dem Klimawandel wesentlich beeinflussen – beispielsweise: Die Fähigkeit der Anpassung von Erbgut und äußeren Merkmalen an neue Umweltbedingungen, die Fähigkeit zur Ausbreitung, die Dynamik von Populationen, die Effekte der Fragmentierung von Lebensräumen, die Wechselwirkung von Lebensgemeinschaften, Mikro-Rückzugsgebiete, den Effekt steigender CO2-Konzentrationen auf Vegetation (Seite 299/300).“

Das Originalzitat lautet:
Models frequently do not account for genetic and phenotypic adaptive capacity, dispersal capacity, population dynamics, the effects of habitat fragmentation and loss,community interactions, micro-refugia, and the effects of rising CO2 concentrations, all of which could play a major role in determining species vulnerability to climate change… (S.300)

Hier möchte ich betonen, dass ich nicht den zugrundeliegenden Original-Klimabericht kritisiere, sondern nehme ihn im Gegenteil als Vorbild, dem der Synthese-Report nicht gerecht wird. Ich kritisiere, dass der Synthese-Report wesentliche Unsicherheiten aus dem Originalreport unerwähnt lässt.

2) Aus dem Synthesereport zitiere ich zum Thema „Beweise für klimabedingte Artensterben in der Vergangenheit“:
Die derzeitige und vorhergesagte Geschwindigkeit des Klimawandels verläuft viel schneller als natürliche Klimawandel-Ereignisse während der vergangenen Millionen Jahre, die bereits deutliche Artensterben ausgelöst haben. Deshalb gibt es eine starke Basis für die Annahme, dass der Klimawandel ein Risiko für Lebewesen darstellt (Seite 14, 25).

Die Original-Zitate:
„Future risk is indicated to be high by the observation that natural global climate change at rates lower than current anthropogenic climate change caused significant ecosystem shifts and species extinctions during the past millions of years on land and in the oceans (high confidence).“ (S.25)

„…natural global climate change at rates slower than current anthropogenic climate change caused significant ecosystem shifts and species extinctions during the past millions of years (high confidence). (Seite 14)

In den Fachkapiteln des zugrunde liegenden Klimareports aber steht:
Paläontologische Daten der vergangenen Jahrhunderttausende zeigen sehr geringe Aussterberaten während größerer Klimaschwankungen. Diese Belege könnten darauf hindeuten, dass die Vorhersagen sehr hoher Aussterberaten übertrieben sein könnten (Seite 301). Während der Eiszeit gab es, wie der erste Teil des Uno-Klimareports darlegt, in größeren Teilen der Welt Klimaschwankungen von zehn Grad in 50 Jahren, also 20-mal schneller als im 20. Jahrhundert – größere klimabedingte Artensterben sind nicht dokumentiert (ERGÄNZEN: S. 280). Womöglich weil die Klimaschwankungen vor allem höhere Breiten betrafen (Seite 432ff).

Originalzitat: „Rapid, regional warming before and after the Younger Dryas cooling event (11.7 to 12.9 ka) provides a relatively recent analogy for climate change at a rate approaching, for many regions, that projected for the 21st century for all Representative Concentration Pathways (RCPs;Alley et al., 2003; Steffensen et al., 2008). Ecosystems and species responded rapidly during theY ounger Dryas by shifting distributions and abundances, and there were some notable large animal extinctions, probably exacerbated by human activities (Gill et al., 2009; Dawson et al., 2011). In some regions,species became locally or regionally extinct (extirpated), but there is no evidence for climate-driven global-scale extinctions during this period (Botkin et al., 2007;Willis, K.J. et al., 2010). However, the Younger Dryas climate changes differ from those projected for the future because they were regional rather than global; may have only regionally exceeded rates of warming projected for the future; and started from a baseline substantially colder than present“ (S. 280)

„Finally, evidence from the paleontological record indicating very low extinction rates over the last several hundred thousand years of substantial natural fluctuations in climate—with a few notable exceptions such as large land animal extinctions during the Holocene—has led to concern that forecasts of very high extinction rates due entirely to climate change may be overestimated“ (S. 301)

„Evidence and Processes of Abrupt Climate Change“: Kapitel 5.7 im Teil 1 des IPCC-Berichts erläutert abrupte Klimawechsel der Vergangenheit, die regional bis zu 20-mal schneller abliefen als derzeit.

Hier möchte ich betonen, dass es mir nicht darum ging, die Aussage des Synthese-Reports zu widerlegen. Der Synthese-Report enthält womöglich überhaupt keine falschen Aussagen, er wurde sorgfältig geprüft. Mein Vorwurf lautet auch hier, dass der Synthese-Report entscheidende Einschränkungen seiner Warnungen weglässt. In diesem Fall ist es die wissenschaftliche Tatsache, dass „paläontologische Daten der vergangenen Jahrhunderttausende sehr geringe Aussterberaten während größerer Klimaschwankungen zeigen; die Vorhersagen sehr hoher Aussterberaten mithin übertrieben sein könnten“, wie der zugrunde liegende Original-Klimareport schreibt. Diese Erkenntnis zu verschweigen, gleichzeitig aber vor „Artensterben wie in den letzten Millionen Jahren“ zu warnen, halte ich für irreführend.

3) Hier zitiere ich aus dem Synthesereport zum Thema „Konkrete Artensterben-Szenarien“:
Das erwartete Aussterben wird ausgelöst von diversen Klimaphänomenen wie Erwärmung, schrumpfenden Flüssen, Ozeanversauerung und Sauerstoffverknappung in Gewässern. Ursache des Aussterbens ist sowohl die Schnelligkeit als auch die Stärke der Erwärmung (Seite 26).

Manche Arten mit begrenzten Anpassungsfähigkeiten, besonders in der Arktis und in Korallenriffen, sind bereits bei einer Erwärmung von zwei Grad im Vergleich zum derzeitigen Klima gefährdet (Seite 29).

Die Originalzitate dazu: „A large fraction of terrestrial, freshwater and marine species faces increased extinction risk due to climate change during and beyond the 21st century, especially as climate change interacts with other stressors (high confidence). Extinction risk is increased relative to pre-industrial and present periods, under all RCP scenarios, as a result of both the magnitude and rate of climate change (high confidence). Extinctions will be driven by several climate-associated drivers (warming, sea-ice loss, variations in precipitation, reduced river flows, ocean acidification and lowered ocean oxygen levels) and the interactions among these drivers and their interaction with simultaneous habitat modification, over-exploitation of stocks, pollution, eutrophication and invasive species (high confidence).“ (S.26)

„Coral reefs and polar ecosystems are highly vulnerable.“ (S.26)

„Many systems with limited adaptive capacity, particularly those associated with Arctic sea ice and coral reefs, are subject to very high risks with additional warming of 2 °C.“ (S.29)

Dagegen hatte ich in meinem Artikel wiederum ein Zitat aus dem ausführlichen Klimareport des IPCC gestellt, das im Synthesereport leider fehlte; es lautete:

Arbeiten seit dem letzten Klimareport 2007 haben die Fähigkeit der Klimamodelle infrage gestellt, das künftige Risiko von Artensterben vorherzusagen; die Unsicherheiten sind deutlicher geworden. Die Ergebnisse der Modelle gehen weit auseinander, und sie sind schwer zu prüfen. Die Unsicherheiten könnten größer sein als in Modellen dargestellt, weil wesentliche Faktoren nicht berücksichtigt werden (Seite 295, 299, 300).

Während der letzte Klimareport von 2007 noch vorhersagte, dass bei einer globalen Erwärmung von zwei bis drei Grad seit Beginn der Industrialisierung 20 bis 30 Prozent der Tier- und Pflanzen auszusterben drohten, macht der neue Klimareport keine konkreten Prognosen mehr – die Unsicherheiten sind zu groß (Seite 299/300). Das bedeutet freilich keine Entwarnung, es weist schlicht auf einen erheblichen Kenntnismangel hin.

Die Originalzitate:
„In contrast, uncertainties concerning attribution to climate change of recent global species extinctions, and in projections of future extinctions, have become more apparent since the AR4.“ (S. 295)

„Many papers published since AR4 argue that the uncertainty may be even higher than indicated in syntheses of model projections, due to limitations in the ability of current modelsto evaluate extinction risk.“ (S. 300)
Differences in modeling methods, species groups, and climate scenarios between studies make comparisons between estimates difficult. (S.300)

„Projections of future extinctions due to climate change have received considerable attention since AR4. AR4 stated with medium confidence “that approximately 20–30% of the plant and animal species assessed to date are at increasing risk of extinction as global mean temperatures“ (S. 300)

Alle gegeneinander gestellten Zitate in meinem Artikel sollen demonstrieren, dass der Synthese-Report die Risiken betont, Unsicherheiten aus dem zugrundeliegenden Langreport aber weglässt. So auch hier: Die, wie ich finde, entscheidende Aussage im Langreport, dass die Unsicherheiten über Artensterben-Modelle größer geworden sind, ihre Aussagen gar stärker in Frage stehen, weshalb keine konkreten Prognosen mehr getroffen werden können, ignoriert der Synthese-Report. Stattdessen wird er konkret bei seinen Aussagen zum Artensterben – er macht also genau das, was der zugrundeliegende Klimareport infrage stellt. Diese Kritik möchte ich hiermit unterstreichen. Meine Kritik zielt hier auch auf die Bewertung der Qualität der Vorhersagen zum Artensterben, die im Synthese-Report zu unkritisch ausfallen, wie ich durch die Zitate versucht habe zu belegen.

4) Aus dem Synthese-Report zitiere ich:
Zahlreiche Arten haben ihre Verbreitungsgebiete und saisonale Aktivitäten bereits aufgrund des Klimawandels verlagert. Gleichwohl: Nur beim Aussterben weniger Arten könnte der Klimawandel bislang eine Rolle gespielt haben (Seite 14).

„Das Originalzitat: Many terrestrial, freshwater, and marine species have shifted their geographic ranges, seasonal activities, migration patterns, abundances, and species interactions in response to ongoing climate change (high confidence). While only a few recent species extinctions have been attributed as yet to climate change (high confidence).“ (S. 14)

In dem zugrunde liegendem Fachkapitel aber steht dazu folgendes, wie ich in meinem Artikel zitiere:
Es besteht geringes Vertrauen in die Schlussfolgerungen, dass bereits einige Arten durch den Klimawandel ausgestorben sein könnten, so eventuell beim Verschwinden zentralamerikanischer Amphibien (Seite 300). Soeben wurde allerdings bekannt: Eine angeblich vom Klimawandel ausgerottete Schnecke ist wieder aufgetaucht. Die allgemein höhere Aussterbegeschwindigkeit von Arten der letzten Jahrzehnte hat andere Gründe als den Klimawandel: etwa Landwirtschaft, Waldrodung, Jagd und Fischerei (Seite 295/300).

Die Originalzitate:
„While there is medium confidence that recent warming contributed to the extinction of some species of Central American amphibians, there is generally very low confidence that observed species extinctions can be attributed to recent climate change“ (S. 275)

„Climate change may have already contributed to the extinction of a small number of species, such as frogs and toads in Central America, but the role of climate change in these recent extinctions is the subject of considerable debate“ (S. 295)
„Most extinctions over the last severalcenturies have been attributed to habitat loss, overexploitation, pollution, or invasive species, and these are the most important current drivers of extinctions.“ (S. 300)

Synthesis-Report und Langreport unterscheiden sich auch hier in entscheidender Weise, was ich versucht habe, mit den beiden Zitaten deutlich zu machen. Während der Synthesis-Report positivistisch Aussagen über bereits vom Klimawandel ausgerottete Arten macht, legt die Originalquelle des IPCC die Unsicherheiten offen. Im Synthese-Report heißt es, einige Arten seien sehr wahrscheinlich („high confindence“) aufgrund des Klimawandels ausgestorben. Weil der IPCC nicht geschrieben hat, der Klimawandel habe „mit Sicherheit“ das Aussterben zu verantworten, habe ich die Formulierung gewählt, er habe „eine Rolle gespielt“ – damit habe ich die Aussage des Synthesis-Reports auf wohlwollendste Weise gedeutet.

Der zugrundeliegende Originalreport aber macht deutlich, dass es „geringes Vertrauen“ in die Schlussfolgerung gebe, der Klimawandel habe bereits Arten aussterben lassen. Im Gegensatz zum Synthesis-Report legt er also das Unwissen wissenschaftlich seriös offen – das ist der entscheidende Unterschied der beiden Klimaberichte. Zwar verhandelt der Synthese-Report auch Ursachen des Artensterbens außer dem Klimawandel, allerdings nur mögliche Ursachen der Zukunft. Aussagen darüber, dass BISHER andere Phänomene als Klimawandel Arten ausrotten, lässt der Synthese-Report weg – wiederum ein schweres Versäumnis, wie ich versucht habe, in meinem Artikel deutlich zu machen.

Um es nochmals zu unterstreichen: Ich halte den Synthesis-Report teils für misslungen, er ignoriert wesentliche Unsicherheiten, ohne deren Angabe aber sind wissenschaftliche Ergebnisse wenig wert. In den zugrundeliegenden Original-Berichten hingegen dokumentiert der IPCC das Klimawissen großteils glaubwürdig. Von den „Summarys for Policymakers“ aller Klimaberichte wiederum lässt sich das nicht unbedingt sagen.