Erläuterungen zu meiner Kritik an den Aussagen von Experten und Medien zum Starkregen

Vergangene Woche kritisierte ich in einem Artikel Experten und Medien, die behauptet hatten, der Klimawandel würde in Deutschland bereits für mehr Starkregen sorgen.

Meine Kritik war simpel: Wetterdaten zeigen keine Zunahme von Tagen mit Starkregen in Deutschland – Experten, die diese Daten verschweigen oder das Gegenteil behaupten, führen Bürger in die Irre, verspielen Vertrauen in die Wissenschaft, machen Wissenschaft obsolet.

Ich zitierte Medien, in denen sich Meteorologen und Wissenschaftler irreführend geäußert hatten, denn ich halte die kritische Analyse für die wichtigste Aufgabe von Medien, um Meinungsbildung und Korrekturen zu ermöglichen. Auf Facebook und Twitter und per Leserpost gab es auf meinem Artikel manch kritische Frage, und da ich jetzt diesen Blog habe, kann ich ja gut auf die Einwände antworten:

Kritiker warfen mir vor, die Überschrift wäre zu hart ausgefallen: „Starkregen in Deutschland: Das Unwetter und der Klima-Bluff“

Überschriften bei Massenmedien wie Spiegel Online richten sich nie an Insider, immer an Laien, die sich – das wird vorausgesetzt – üblicherweise nicht mit dem Thema des Textes beschäftigen. Die Überschriften entstehen in der Diskussion mit den Chefs vom Dienst. Im Gegensatz zu Zeitungen, die sich durchaus künstlerische oder gravitätische Überschriften leisten können, weil die Zeitung bereits verkauft wurde, wenn die Überschrift gelesen wird, müssen Online-Medien bei jedem einzelnen Artikel Leser unmittelbar überzeugen, den Artikel lesen zu wollen. Das bedeutet, Redakteure müssen die für den Laien interessanteste Essenz eines Artikels in möglichst wenig abgenutzten Wörtern in die Überschrift schreiben, ansonsten wird der Artikel von themenfremden Lesern übergangen. (Bei Wissenschaftsthemen ist der Sprung vom Insiderduktus zur Sprache des Massenmediums besonders groß.)

Seriöse Medien folgen dabei drei Kriterien: Richtigkeit, Relevanz für Laien und Interessantheit. Eine Überschrift muss diese drei Prämissen vereinen, so auch die Überschrift zu meinem Text: Das Wort „Klima-Bluff“ trifft den Kern der Nachricht auf anschauliche und unmittelbar eingängliche Weise: Der Klimawandel-Bezug beim Thema Starkregen in Deutschland geht fehl – Experten, die eine bereits dokumentierte Zunahme von Starkregen in Deutschland wegen des Klimawandels konstatieren, führen in die Irre. Ihre Behauptung lässt sich als Irreführung beschreiben – oder eben synonym und anschaulicher als Bluff: Diese Experten täuschen nun mal die Öffentlichkeit, obwohl sie es besser wissen müssten.

Alternative Überschriften wie „Heikle Aussagen zum Starkregen von Meteorologen“ oder einfach „Starkregen-Bilanz für Deutschland“ entfallen wegen Langweile – und vor allem weil sie am eigentlichen Thema vorbeigehen: Den falschen Aussagen zur Starkregenbilanz.

Ist die Kritik des Artikels nicht übertrieben?

Nein. Wenn Experten, zumal vom Bürger bezahlte Experten, unwidersprochen für die Öffentlichkeit relevante Ergebnisse öffentlich verdrehen, oder wesentliche Informationen verschweigen, muss man das irgendwo nachlesen können.

Aber wenn es wärmer wird, wird doch mehr Regen fallen – warum also die Aufregung?

Dass eine weitere Erwärmung der Luft global mehr Regen verursachen dürfte, haben wir oft berichtet, auch in dem in Rede stehenden Text und in dem Video-Interview dazu. Die Hauptnachricht aber war diesmal die Verdrehung der Tatsachen, den Regen in Deutschlands betreffend. Wie sich das Wetter hier tatsächlich entwickelt, sollte man schon wahrheitsgemäß erfahren dürfen. Der Deutsche Wetterdienst sammelt systematisch Daten seit fast 120 Jahren. Warum der Aufwand, wenn man die Daten einfach übergeht?

Aber was ist mit dem Posting auf Scilogs.de?

Auf „Scilogs.de“ hat einer der von mir kritisierten Experten nach der Veröffentlichung meines Textes einen ausführlichen Kommentar zum Thema Starkregen und Klimawandel geschrieben. Der Text ist informativ und interessant; jeder, der sich fürs Thema interessiert, sollte den Text lesen, auch wenn sein Resümee nicht stimmig ist.

Ich hatte bemängelt, dass der Forscher im „Heute Journal“ fälschlich gesagt hatte, Starkregen in Deutschland würden zunehmen.

In seinem Blog räumt der Experte zur Entwicklung der Tage mit Starkregen in Deutschland nun ein: „DWD-Daten zeigen hier eine geringe Zunahme um 8 % seit 1951, die angesichts der starken Schwankungen nicht signifikant ist“. „Nicht signifikant“ bedeutet: Die Entwicklung ist vom Zufall nicht zu unterscheiden. Also: Es gibt keinen Trend beim Starkregen in Deutschland. Diese selbstverständliche Folgerung hatte der Deutsche Wetterdienst, der DWD, mir auf Nachfrage auch schriftlich bestätigt, siehe meinen Artikel.

Zudem zitiert der Experte in seinem Blog eine 14 Jahre alte DWD-Studie, die eine Zunahme von Starkregen in Deutschland ausgemacht hatte, allerdings nicht nach gängiger absoluter Definition, sondern auf Grundlage stationsspezifischer Häufigkeitsverteilungen ermittelter Schwellenwerte. Der Urheber der Studie, der DWD, beschreibt die Starkregen-Entwicklung in Deutschland nicht mehr auf diese Weise. Auch das Umweltbundesamt verlässt sich auf aktuellere Statistiken – und kommt zum Schluss: keine Zunahme von Starkregen in Deutschland.

Aktuelle Zahlen, die eine langfristige Zunahme von Starkregen in Deutschland dokumentieren würden, liefert auch das Posting des Experten nicht, trotz seiner Ausführlichkeit. Warum aber dann sein normativer Kommentar im „Heute Journal“ zur Zunahme von Starkregen in Deutschland?

Und was ist mit dem Einwand auf Facebook?

Dort schrieb mir ein Kritiker auf der Facebookseite von Josef König: „Eins noch zu fehlenden Statistiken: Sollte sich die RegenMENGE pro Starkregentag signifikant oberhalb 30ml erhöht haben, würde man das durch ein Abzählen der Starkregentage definiert als „mehr als 30 ml“ nicht feststellen. Sollten zudem die anderen Tage im Jahr deutlich trockener sein, würde man es auch nicht an der Gesamtregenmenge pro Jahr feststellen können. Auch das könnte Wissenschaftsjournalismus thematisieren. Ist aber auch müßig, wir werden in dieser Sache wohl nicht mehr zusammenkommen.“

Ich antwortete: „Sie meinen also, man dürfe behaupten, dass in Deutschland nachweislich mehr Starkregen fällt, weil es theoretisch Daten geben könnte, die die These stützen würden, die es aber leider nicht gibt. Für diese Methode ist Klima-Bluff ja sogar noch ein freundliches Wort.“

Keiner der Wissenschaftler und Meteorlogen, die ich kritisiert hatte, lieferte Daten, die eine langfristige Zunahme von Starkregen in Deutschland zeigen würden. Das war ja das Problem.

Aber:

Es würde mich aber nicht überraschen, würde es bald Daten geben, die eine Zunahme von Starkregen in Deutschland zeigen. Das wäre auf jeden Fall ein guter Anlass für einen neuen Artikel zum Thema.

Resümee:

Es überrascht mich immer wieder, wie manche auf kritische Artikel zur Klimaforschung reagieren. Im Medizinjournalismus hingegen hat sich kritischer evidenzbasierter Journalismus doch schon längst etabliert. Bin gespannt wie es weitergeht in der Klimaforschung, vor allem was die Ergebnisse angeht.

P.S. am 6. Juli 2016
Wie kompliziert der Nachweis der Niederschlagsentwicklung ist, zeigt nun auch eine Studie der Universität Leipzig. Demnach haben sich auch die globalen Niederschläge noch nicht messbar verändert, berichtet Marc Salzmann vom Institut für Meteorologie der Universität Leipzig.