Erdbebensicheres Bauen: Hanf und Jute könnten Tausende Leben retten

Nicht das Beben in Nepal hat Tausende Menschen getötet, es waren einstürzende Gebäude. Dabei können einfache Maßnahmen Häuser entscheidend stabilisieren.

SPIEGEL ONLINE, 30. April 2015

Häuser bieten Schutz, sie können aber auch zur tödlichen Falle werden – wie gerade in Nepal. Von der „ignorierten Massenvernichtungswaffe Haus“ spricht der Seismologe Roger Bilham von der University of Colorado.

Architektur und Geologie in vielen Risikogebieten geben Anlass zu größter Sorge: Am Himalaya seien noch weitaus stärkere Erdbeben zu befürchten als am Samstag, warnt Bilham. Solch ein Schlag könnte in dicht besiedelten Regionen Millionen Tote verursachen – es wäre die größte Naturkatastrophe aller Zeiten. Doch allen Warnungen zum Trotz werden Häuser meist nicht sicher gebaut. Die Gründe: Pfusch, Korruption, Sparzwang – und Ignoranz.

Dabei muss erdbebensicheres Bauen keinesfalls teuer sein, predigen Experten nach jeder Erdbebenkatastrophe. Die Bewohner von kleineren Häusern könnten sich schon mit einfachen Mitteln schützen, sagt Michael Lindell, Bauingenieur an der Texas A&M University in den USA.

Es seien gerade oft die simpelsten Bauten, die Sicherheit böten: Häuser, bei denen aus Kostengründen auf Mauerwerk verzichtet wurde, seien leichter – und stürzten deshalb nicht so leicht ein.

Die Grundregeln erdbebensicheren Bauens lauten: Runde Häuser, Schwerpunkt nach unten – und alles miteinander verzahnen. Symmetrische, möglichst leichte Bauten mit kleinen Fenstern, deren Hauptlast nahe dem Boden liegt, geraten weniger schnell aus der Balance.

Vielfach aber wird selbst die wichtige Regel gebrochen, Erschütterungen möglichst gleichmäßig auf alle Gebäudeteile zu verteilen: Bei der Erneuerung von Gebäuden in der extrem erdbebengefährdeten türkischen Metropole Istanbul etwa wurden Stützpfeiler entfernt, um Platz zu schaffen für Einkaufszentren im Erdgeschoss.

So können Dächer regelrecht zu Grabplatten werden, wenn sie abstürzen. Ingenieure raten, Dächer stets auf separate Stützen zu stellen, die im Boden verankert sind. Als Dachstuhl empfehlen sie ein Rechteck aus Holzbalken, das auf den Oberkanten der Außenwände befestigt wird – die Streben stabilisieren das Haus. Balkone, Giebel und Kuppeln erhöhen die Gefahr. Experten fordern, sie im Zweifel einfach abzureißen.

Besonders Hochhäuser sind Todesfallen: Oft werden wie in Kathmandu Geschosse schlicht auf alte brüchige Ziegelbauten aufgesetzt – bei einem Beben fallen die neuen Stockwerke einfach herunter. Dass bei dem katastrophalen Beben in Pakistan 2005 so viele Hochhäuser zusammenstürzten, lag daran, dass beim Bau massenhaft an Stahlstreben gespart wurde.

Schon minimale Ergänzungen können die Sicherheit kleinerer Häuser deutlich verbessern, betonen Experten: Querstreben aus Holz hielten runde Lehmwände zusammen. Das Holzskelett werde in einem Betonsockel im Boden verankert. Reichlich Lehm solle verbaut werden – dicke Wände seien stabiler.

Damit die Mauersteine bei Erschütterungen miteinander verbunden bleiben, empfehlen Experten Bambus als preisgünstige Lösung: Die Stangen sollten als Draht durch handgebohrte Löcher zwischen Mauersteinen verlegt und an der Außenwand mit einem Geflecht aus Bambusstäben verknüpft werden. Die elastischen Streben können das Rütteln eines Bebens abfedern.

Ein Stützkorsett aus Hanf, Jute, Draht oder Flachs wäre ebenfalls möglich. Eine simple Stabilisierungsmaßnahme wären zudem schmale Stützmauern, die mit der Hauswand verzahnt werden. Bei Häusern, die nicht im Boden gründen, empfehlen Experten eine weitere Notoperation: die Mauerstützen im Erdreich zu verankern.

Ziegel- und Lehmhäuser in Asien, Afrika und Südamerika werden oft im Eigenbau gebaut, oft mit zu wenig Zement. Auch in Istanbul haben Firmen jahrelang zu viel minderwertigen Sand in Zement gemischt, um Kosten zu sparen.

Häuser in Deutschland einsturzgefährdet

Was gute Architektur ausmacht, verdeutlichte das Starkbeben in der neuseeländischen Stadt Christchurch im September 2010: Es verlief ähnlich wie das Beben in Haiti ein paar Monate zuvor. Doch während im Entwicklungsland Haiti 260.000 Menschen in den Trümmern starben, gab es in der Industrienation keine Toten.

Die wichtigste Maxime der Baugesetze in Neuseeland lautet: Schwere Schäden im Beton lassen sich bei Starkbeben nicht verhindern – aber der Kollaps eines Gebäudes muss mithilfe von Verstrebungen verhindert werden.

In Industrieländern werden zwar hohe Summen in die erdbebensichere Architektur der Gebäude investiert, doch auch dort gibt es große Versäumnisse. Selbst in der von Erdbeben bedrohten reichen Schweiz genüge nur jedes 20. Gebäude den Normen sicherer Architektur, stellte eine Regierungsstudie fest.

In Deutschland, wo es entlang des Rheingrabens alle paar hundert Jahre ebenfalls stark beben kann, würden Städte im äußersten Ernstfall schwer getroffen, haben Forscher der Universität Karlsruhe ermittelt. In Tübingen etwa bräche der Studie zufolge jedes 40. Haus zusammen; nur jedes 20. bliebe unbeschädigt.

Balingen und Albstadt träfe es ähnlich hart. Auch in Köln, Mönchengladbach, Aachen, Freiburg, Karlsruhe und Frankfurt am Main, Reutlingen, Stuttgart, Reutlingen, Düren, Kerpen und Lörrach wären den Ermittlungen zufolge schwere Schäden zu beklagen.

Arme Länder trifft es gleichwohl härter. Die Wahrscheinlichkeit, in einem Entwicklungsland durch ein Naturereignis zu sterben, sei etwa hundertmal größer als in reichen Staaten, hat der Geologe John Mutter von der Columbia Universität in New York berechnet. Die Ursache: mangelhafte Architektur.