„Laaaaangweiligstes Thema der Menschheit“

Das Interesse am Klima lässt nach. „Für das Versagen bei der Kommunikation des Themas gibt es keine Entschuldigung“, sagt der zum Filmemacher gewandelte Biologe Randy Olson im Interview. Umwelt-Geschichten seien so langweilig, dass sie selbst Roboter in den Selbstmord trieben. Die „Marke“ sei ruiniert. Ein Interview über gescheiterte Klima-PR.

Mein Interview:

SPIEGEL ONLINE: Herr Olson, Sie sagen, Sie hätten herausgefunden, was das langweiligste Thema der Menschheit ist: der Klimawandel. Ich habe das Fach studiert und muss schon sagen…

Randy Olson: Okay, dies wird vermutlich das langweiligste Interview, das ich je gegeben habe. Und ich sollte es wahrscheinlich gar nicht geben, weil es gewissermaßen eine verlorene Sache ist, aber ich tue es trotzdem, weil ich das Thema Klimawandel für wirklich wichtig halte und es als ein Trauerspiel empfinde, wie schlecht es in den Medien behandelt wird.

SPIEGEL ONLINE: Einen Moment – Sie meinen, unser Interview wäre ein hoffnungsloser Versuch?

Olson: Nicht hoffnungslos, nur waghalsig – darüber zu sprechen, wie langweilig etwas ist, ohne dabei langweilig zu sein, ist nicht einfach.

SPIEGEL ONLINE: Bevor Sie Filmemacher wurden, waren Sie aber doch Umweltforscher. Empfanden Sie denn die Wissenschaft als Qual?

Olson: Es stimmt, ich war Wissenschaftler. Ich weiß, worin der Spaß liegt. Es ist wunderschön, einen gleichgesinnten Wissenschaftler zu finden und immer tiefer in jene Sprache einzutauchen, welche nur von den paar Experten verstanden wird, die bei meinem großen Vortrag in der ersten Reihe sitzen. Aber meine Güte, für den Rest der Welt kann das laaaangweilig sein. Da sollte man sich nichts vormachen.

SPIEGEL ONLINE: Was macht gerade die Klimaforschung so besonders langweilig?

Olson: Es geht um belebte Natur gegen unbelebte Natur. Ich habe das in meinem ersten Jahr am College bei der Einführung in die Ökologie erlebt, wo man einerseits die Wechselbeziehungen von Tieren (interessant), und andererseits Systemökologie (schnarch) studierte. Bei ersteren geht es um Lebewesen (interessant), bei letzterer in erster Linie um leblose Chemikalien. Lebendiges ist interessant. Nicht-Lebendiges weniger.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sicher? Kaum eine Wissenschaft hat doch in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit erfahren wie die Klimaforschung.

Olson: Es ist in etwa so wie mit dem Wetter beim Small Talk, das allgemein als das langweiligste Gesprächsthema überhaupt gilt. Bei der Klimawissenschaft geht es um Temperatur. Na, Mensch. Wie interessant.

SPIEGEL ONLINE: Aber denken Sie an den Uno-Klimarat IPCC oder Al Gores Film „Eine unbequeme Wahrheit“ über die drohende Klimakatastrophe – beide standen doch im Fokus der weltweiten Medien.

Olson: Die IPCC-Reporte machen alle paar Jahre Schlagzeilen, weil die Uno grundsätzlich die Aufmerksamkeit der Weltpresse auf sich zieht. Aber die Forschung selbst? Der Film von Al Gore schlug Kapital aus dessen Prominenz und aus der Frage, was er in den sechs Jahren nach der verlorenen Präsidentschaftswahl gemacht hatte. Derselbe Film mit einem Nasa-Wissenschaftler in der Hauptrolle hätte Verlust gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Eine kühne Behauptung, wie können Sie sich da so sicher sein?

Olson: Weil der Film selbst, von seinem Promi-Bonus entblößt, langweilig war. Er hatte so gut wie keine Erzählstruktur, und es gelang ihm nicht, eine interessante und fesselnde Geschichte zu erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Al Gore zeigte dramatische Naturszenen und erschreckende Grafiken. Erregte das keine Aufmerksamkeit?

Olson: Vielleicht bei jenen eingeschworenen Linken, die anlässlich dieses Films scharenweise in die Kinos strömten. Aber wenn er wirklich so gut war, warum wird er nie im Fernsehen wiederholt, wie es normalerweise bei beliebten Filmen der Fall ist?

SPIEGEL ONLINE: Aber Gores Film hat doch enorme Aufmerksamkeit auf das Klimaproblem gelenkt. Ist das nicht ein Beleg für erfolgreiche Wissenschaftskommunikation?

Olson: Er spielte einen Haufen Geld ein, was bewirkte, dass einige Leute plötzlich meinten, das Thema sei attraktiv. Was wiederum zu einer Flut von Klimadokumentarfilmen führte, die allesamt langweilig waren, so dass ein befreundeter, für den Oskar nominierter Filmemacher sogar zu mir sagte, es sei, als würden sie alle ineinander verfließen – alle zeigten die gleichen Aufnahmen von schmelzenden Gletschern, Eisbären, CO2-Emissionen… bla, bla, bla. 2008 nahm ein anderer Freund von mir an einer Versammlung von unabhängigen Filmverleihern teil, die mahnten: „Keine Umweltdokumentarfilme mehr!“, denn sie hätten kein Publikum. Schließlich verriet mir 2010 ein befreundeter Produzent: „Selbst der Green Channel will keine grüne Programmgestaltung.“

SPIEGEL ONLINE: Wie hätte man den Al-Gore-Film besser machen können?

Olson: Man hätte eine echte Geschichte erzählen können, die eine interessante Frage aufwirft und uns dann auf der Suche nach einer Antwort auf eine spannende Reise mitnimmt. Man hätte mit einer ganz einfachen Fragestellung beginnen können: „Wie kommt es, dass die Welt beim Ozonloch – dem ersten Phänomen, das unsere Erdatmosphäre bedrohte – so vorbildlich reagierte, bei der Erderwärmung dagegen nicht?“ So hätte ein sehr guter, aufrüttelnder und erkenntnisreicher Dokumentarfilm aufgebaut sein können.

SPIEGEL ONLINE: Wo lagen weitere Fehler der Klimabewegung?

Olson: Ihr zweiter Fehler lag darin, dass sie keinerlei Strategie hatte, um den Großangriff der Klimaskeptiker auf das Image der Klimaforschung abzuwehren, der 2009 in der „Affäre Climategate“ gipfelte. Während die Affäre dazu genutzt wurde, die Forschergemeinde zu diskreditieren, war diese nicht in der Lage, Schadensbegrenzung zu betreiben.

SPIEGEL ONLINE: Wie hätten sich die Klimaschützer gegen den Image-Schaden wappnen können?

Olson: Mit einer konsequenten, einheitlichen Strategie, die zuvor ausgearbeitet werden müsste. Unternehmen haben ja auch alleinige Chefs, die CEOs oder Hauptgeschäftführer. In der Wissenschaft gibt es keine solche Struktur, Kohäsion und Zusammenarbeit. Da gibt es nur einen Haufen Akademiker, die mit der Vorstellung groß geworden sind, Kommunikation sei eine alberne Nebensache.

SPIEGEL ONLINE: Die Wissenschaftler selbst sehen das nicht so kritisch. Wenn man sie nach dem Kommunikationsproblem fragt, berichten sie erfreut darüber, dass sie bei öffentlichen Vorträgen Fragen beantworten, dass gelegentlich Journalisten anrufen und dass einige Blogs viele Kommentare generieren…

Olson: Großes Interesse am Thema Klima zeigen in der Tat die „Klimafans“ bei Wissenschaftsmagazinen, Vorträgen oder Blogs. Einige Blogs sind wirklich erstaunlich. Sie posten etwa einen Kommentar zu einer Grafik über Rekordtemperaturen, die anhand von Jahresringen rekonstruiert wurden, und erhalten daraufhin über tausend Kommentare. Das ist Langeweile in ihrer reinen, kristallinen Form. So etwas könnte sogar einen Roboter in den Selbstmord treiben.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte es gelingen, die Öffentlichkeit doch noch für Klimaforschung zu interessieren?

Olson: Ich befürchte ja, dass es dafür bereits zu spät und dass die Marke ruiniert ist. Aber ich will hoffen, es ist nicht so. Die Forschergemeinde hat miserabel kommuniziert. Mehrere Reporte haben gezeigt, dass innerhalb der letzten zehn Jahre von der Umweltseite über eine Milliarde Dollar für den Klimaschutz ausgegeben wurde. Es gibt einfach keine Entschuldigung für dieses Versagen in der Kommunikation.

SPIEGEL ONLINE: Viele Forschungsinstitute bieten allerdings Seminare zur Klimakommunikation an – sind sie nutzlos?

Olson: Nicht komplett, aber die Probleme sitzen auf einer sehr tiefen, instinktiven Ebene. Was fehlt, ist der erzählerische Instinkt. Deswegen braucht es Erzähltraining, bei dem den Wissenschaftlern Partner aus intuitiveren Berufen – Medienleute, professionelle Geschichtenerzähler, Schauspieler und so weiter zur Seite gestellt werden. So wie es auch bei meinem neuen Buch geschehen ist – das ich mit zwei Schauspielern zusammen geschrieben habe. Aber Akademiker bleiben eben gerne unter sich, in ihren Elfenbeintürmen. Und die Langeweile geht weiter.